10. Juni bis 31. August 2017

Amthausplatz Solothurn

 

Vernissage Freitag 9. Juni, 18.30 Uhr

Sibylle Völkin

FAR SIDE OF THE MOON

Sibylle Völkin schafft komplexe, sinnlich erfahrbare und meist raumfüllende Werke.
In ihrer neuen Arbeit für den Viewer befasst sich die Künstlerin mit dem Erdtrabanten.

Sie beleuchtet die Rückseite des Mondes und transformiert terrestrisch nicht Sichtbares zu lunarer Poesie.


Bisher kannte die Künstlerin Sibylle Völkin Solothurn von ihren Besuchen an den Filmtagen – und ausschliesslich bei Nacht. Dieser Umstand hat sie unter anderem dazu bewogen, sich für ihre Bespielung des Viewers wieder auf den dunklen Nachthimmel von Solothurn zu fokussieren. Und sie himmelt durch den Viewer, der ihr gleichsam zum monumentalen Fernrohr wird, den Mond an.

Für die Kunst ist der Mond seit jeher eine Projektionsfläche, man denke etwa an die romantischen Mondbilder von Caspar David Friedrich. In der Zeit von Aufklärung und Romantik gab es in der Kunst, in der Literatur und Musik eine veritable Mondsucht. Auch die Wissenschaft kennt eine lange Tradition der Mond-Forschung, zu den Höhepunkten gehört etwa die Nachricht von neuen Sternen von Galileo Gailei. Die Mondlandung 1969 und die zahlreichen NASA-Bilder haben dem Mond viel von seinem Mysterium genommen. Trotzdem haftet dem Erdtrabanten noch heute ein Zauber an, es wird ihm eine visionäre Kraft zugesprochen.

Das Visionäre, das dem Mond zugesprochen wird, steht in enger Verbindung zu John F. Kennedys damaligem Vorhaben, einen Menschen zum Mond zu schicken. Diese visionäre Idee wurde 1969 sensationell zur Realität und hat die Welt bewegt. Heute bezeichnen microsoft und andere Firmen gewisse Projekte in Anlehnung an Kennedys Vision „moonshots“. Dahinter steckt die Idee, sich etwas Grosses vorzunehmen, was das Potenzial hat, die Art wie wir leben, zu verändern.

Wir versuchen, uns den Mond anzueignen, in ihm Bekanntes zu sehen – man denke an „den Mann im Mond“ oder den „Hasen im Mond“. Der Mondhase wird übrigens erstmals in der chinesischen Folklore der Han-Dynastie erwähnt. Die Geschichte erzählt vom Hasen auf dem Mond, der unablässig Kräuter stampft, um ein Elixier für die Unsterblichkeit zu kreieren.

Dank Fernrohr und NASA Bilder meinen wir, den Mond zu kennen, doch wird dabei gerne vergessen, dass wir die Rückseite des Mondes, the FAR SIDE OF THE MOON nie zu Gesicht bekommen. Diesem Aspekt widmet sich Sibylle Völkin in ihrer Installation im Viewer. …

Die Rotation des Mondes ist „gebunden“, wir sehen also stets die gleiche Seite des Mondes. Seine andere Seite, die häufig als dunkle Seite beschrieben wird, ist uns nur durch Bilder der Mondsonde Lunik 3 bekannt. Die Bilder zeigen eine Mondoberfläche, die deutlich mehr Meteoriteneinschläge erlitten hat als die Vorderseite und – das mag uns erstaunen – um einiges heller leuchtet als die uns bekannte Seite. Nur weil wir Menschen die Rückseite nicht sehen, bedeutet dies nicht, dass sie dunkel ist – ein schönes Lehrstück für unsere selbstbezogene Welt.

Kraft der Kunst macht uns Sibylle Völkin die andere Seite des Mondes im Viewer sichtbar und verbindet in ihrer Installation wissenschaftliche Recherche mit künstlerischer Freiheit. Konfektionierte Gipsbecher, Mörtelkübel, Pflastereimer aus Kunststoff, wie sie auch auf Baustellen Verwendung finden, suggerieren einen Einblick ins Universum. Bei Tageslicht sind die einzelnen Elemente der Installation klar erkennbar und produzieren ein anderes Bild als bei Einbruch der Dunkelheit. Dann nämlich erkennen wir die Rückseite des Mondes, wird die Gipsfläche, die am Tag durch als Mond interpretiert werden kann, zur anderen Seite, zur Rückseite des Mondes. Dies geschieht dank der Schwarzlicht-Beleuchtung. Die Fluoreszenzebene, das bemalte Fläche der Gips-Plastik, reflektiert das Licht und leuchtet auf eigentümliche und intensive Art, lässt die andere Seite des Mondes erstrahlen. Der Blick in den Viewer fordert ein poetisches Sehen, das sich auf den Zauber einlässt, die Wirklichkeit hinter sich lässt und in ein Universum eintaucht. Der Viewer wird dabei zum Fernrohr, das Distanzen überbrückt. Wir sind dabei mit der Vorstellung von unterschiedlichen Dimensionen, Fragen von Modell und Realität, Fakt und Fiktion konfrontiert. Auf das sinnliche Erleben folgt die Erkenntnis, gewinnen wir neue Einsichten.

Die in Basel lebende Künstlerin Sibylle Völkin geht in ihrer künstlerischen Arbeit oft von wissenschaftlichen Fragen und Recherchen aus. Die Natur ist ihr ebenso Inspiration für ihre sinnlich erfahrbaren, oft raumfüllenden Werke. Häufig arbeitet sie ortsbezogen und partizipativ. Ihre Bespielung des Viewers wird denn auch von einem zweiten Teil ergänzt. So lädt die Künstlerin nach der Vernissage und dem Essen um 22 Uhr zum Vollmondspaziergang. Dabei soll der romantische Wanderer sein Smartphone mitnehmen, mehr wird nicht verraten.

 

Patricia Bieder