25. November 2016 bis 8. Januar 2017

Amthausplatz Solothurn

Vernissage 25. November 2016, 18.30 Uhr

rogerwirz|thomashüsler

barre

Es ist nicht nur das Licht an, sondern auch jemand zu Hause…

rogerwirz|thomashüsler
„barre“

Nach Jürg Hugentobler und Philipp Hänger bespielt das Künstlerkollektiv rogerwirz|thomashüsler den Viewer auf dem Amthausplatz in Solothurn. Die beiden Künstler, die seit 2011 zusammen arbeiten, sind wie ihre Vorgänger präzis auf die Ausstellungsplattform eingegangen und haben auf die architektonische Form des Viewers und die Durchsicht reagiert. Wie ihre Vorgänger verwehren auch sie uns die Sicht durch den Viewer. Oder täuschen wir uns, blicken wir doch durch den Viewer hindurch auf die andere Seite?


Die Videoinstallation „barre“ von Roger Wirz und Thomas Hüsler trennt den Ausstellungsraum des Viewers in zwei Räume, die in sich je wieder die Form des Viewers aufnehmen. In den beiden neu geschaffenen Räumen befindet sich je ein Monitor, der die Durchsicht durch den Viewer scheinbar wieder herstellt, ja die Durchsicht imitiert. Denn die auf den Monitoren abgespielten Videoarbeiten bilden die Perspektive des Betrachters ab, scheinen die reale Situation auf dem Amthausplatz wiederzugeben. Doch der Eindruck trügt, spätestens wenn ein Auto vorbeifährt, im Video aber nicht erscheint, oder umgekehrt – oder wenn plötzlich einer der beiden Künstler auftaucht und in den Viewer blickt, in Tat und Wahrheit aber gar nicht dort steht! Das irritiert, denn plötzlich traut man dem Gesehenen nicht mehr, verschiebt sich die Realität, das Jetzt, für einen kurzen Moment. Der Unsicherheit antwortet der Humor: Die beiden Künstler agieren sichtbar vergnügt, schlüpfen in Rollen und werden dabei zum Gegenüber, indem sie mit dem Publikum zu interagieren scheinen. Humor und Ernsthaftigkeit verbinden sich in „barre“ – wie bei vielen Arbeiten der beiden Künstler – auf überzeugende Weise.


Mit „barre“ haben Roger Wirz und Thomas Hüsler einen fiktiven Aussenraum im Innenraum kreiert. Der Aussenraum wird nach Innen geholt, eine Illusion der Realität geschaffen. Wir schauen nach Drinnen und haben gleichzeitig das Gefühl, nach Draussen zu blicken. Die Arbeit verwirrt die Sinne, täuscht und ent-täuscht unser Sehen. „barre“ von Roger Wirz und Thomas Hüsler spielt mit virtuellen Verschachtelungen, gedachten und realen Erfahrungsräumen, hinterfragt die Selbstverständlichkeit unserer Wahrnehmung und stellt das Sein in Frage. Es geht um das Dazwischen zwischen dem Drinnen und Draussen, zwischen der Illusion und der Realität, letztlich auch zwischen dem Körper und dem Selbst. Diese gegensätzlichen Begriffspaare werden gemeinhin gerne durch den Schrägstrich – auf französisch „barre“ – angezeigt. Der Titel „barre“ von rogerwirz|thomashüsler ist eine Anlehnung an den französischen Semiologen, Philosophen und Literaturkritiker Roland Barthes. Dieser hat 1970 in seiner Abhandlung S/Z geschrieben, dass der Schrägstrich als Öffnung und Passage als das notwendige und/oder steht, oder auch als Schranke, die sich der Bedeutung widersetzt (Agamben 2005). Der Schrägstrich steht als Spaltung zwischen Bild und Bezeichnetem, markiert als instabile Trennung die Herausforderung der Bedeutungsproduktion. In der Arbeit von rogerwirz|thomashüsler wird der Viewer selber zum „barre“, zum Schrägstrich oder Balken, der zwischen Realität und Konstruktion steht, und/oder ist. 

Patricia Bieder