22. März bis 19. Mai 2019

Amthausplatz Solothurn 

 

Max Leu

Denk mal beim Viewer

Für einmal beginnt das Viewer-Jahr nicht mit der Präsentation einer zeitgenössischen Künstlerin oder eines zeitgenössischen Künstlers, sondern mit einer kunsthistorischen Position. Die beiden Vorstandsmitglieder des Kunstvereins Solothurn, Patricia Bieder und Flo Kaufmann, haben aus der Sammlung des Kunstvereins zwei Werke des Solothurner Bildhauers Max Leu ausgewählt: Wilhelm Tell (1892) und die Stauffacherin (1898). 

 

In seinem kurzen Künstlerleben – Max Leu verstarb 1899 mit nur 37 Jahren an einem Krebsleiden – schuf er zahlreiche Werke und hat sich als bedeutender Bildhauer etabliert. Nach ersten künstlerischen Anregungen in Solothurn beginnt er eine Lehre als Bildhauer in Basel. 1881 siedelt er nach Paris über. Neben der Ausbildung an der Ecole Nationale des Arts Décoratifs arbeitet er an der plastischen Ausschmückung des Hôtel de Ville mit. Im Louvre studiert Max Leu die Antiken-Sammlung. In den Kunstsalons in Paris kann er mit seinen eigenständigen Werken erste Erfolge feiern und wird in seiner Heimat zum gefragten Bildhauer. Ein Jahr vor seinem Tod kehrt er nach Basel zurück. Max Leu ist auf dem Friedhof St. Niklaus in Feldbrunnen begraben.

 

Die Ausstellungsplattform Viewer bietet nun als Vitrine die ideale Hülle für die beiden Figurenentwürfe, die Max Leu damals als Denkmäler hätte ausführen wollen. Die Stauffacherin ist als Gattin des Landammanns Werner Stauffacher zu einer sagenhaften Figur geworden. In Friedrich Schillers Wilhelm Tell (1804) haben die geflügelten Worte „Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich“ das Bild der entschlossenen, mutigen Stauffacherin geprägt. Und so wurde die Stauffacherin zum Pendant der legendären Figur des Wilhelm Tell. Bereits der erste Schweizerische Frauenkongress forderte 1896 ein Denkmal für die Stauffacherin. Es war dann Max Leu, der 1898 das Modell dafür schuf. Leider stiess es auf wenig Zustimmung und wurde nie als Denkmal realisiert. Heute im Viewer und vor dem Hintergrund der aktuellen feministischen Debatten erhalten dieser Entwurf und die Stauffacherin als Verkörperung der starken, ideengebenden Frau neue Aktualität. Interessant ist die Darstellung, die Max Leu wählt – für einmal ist die Frau stehend, in aktiver Position gezeigt, während ihr Mann, sitzend, das heisst passiv, gezeigt wird.

 

Fotografien: David Aebi


Im Viewer bringen wir die beiden mythenreichen Figuren der Stauffacherin und des Wilhelm Tell zusammen. Letzterer hat Max Leu 1892 als Entwurf für das Wilhelm Tell-Denkmal in Altdorf geschaffen. Er belegte damit den dritten Rang (gewonnen hat ein anderer Solothurner: Richard Kissling). Betrachten sie vor allem auch die Hände der beiden Figuren – beide bezeugen mit ihrer zur Faust geballten Hand oder mit ausgestrecktem Zeigefinger, die Hand in die Höhe haltend, Entschlossenheit. Dass der Stauffacherin dann genau der Zeigefinger irgendeinmal abgebrochen sein muss, ist eine Ironie des Schicksals, tut ihrem von Unerschrockenheit zeugenden Ausdruck aber keinen Abbruch. Beide Modelle wurden in der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts geschaffen. Sie verkörpern nicht nur einen Mythos, sondern entsprechen auch der damaligen Zeitgeschichte, war doch in den 1890er Jahren der Wille zu einer nationalen Einheit, einer Nationenbildung, stark.

 

Wurden diese beiden Modelle nie als Denkmäler ausgeführt, so steht in Bern das wohl bedeutendste Werk von Max Leu: Das Denkmal für Adrian von Bubenberg, das 1897 auf dem Bubenbergplatz eingeweiht wurde. Die Bronze-Plastik ist Leus Hauptwerk und zeichnet sich durch eine klare Formensprache aus. Max Leu gelingt im Kontext der damaligen Vorliebe für die Idealisierung von Staatsmännern eine unaufgeregte, formal reduzierte Umsetzung des Schweizer Volkshelden Adrian von Bubenberg, der aus der Schlacht von Murten als Sieger hervorgegangen ist. Heute ist das Bubenberg-Denkmal nur wenigen präsent. Damit stellt sich auch die Frage, wie wir uns heute mit den Denkmälern auseinandersetzen, die unser Stadtbild prägen. Laufen wir einfach vorbei, oder bleiben wir stehen und sind bereit, der Aufforderung des Denkmals – nämlich nachzudenken und sich einem Schlüsselmoment der Geschichte oder einer historischen Person zu widmen – nachzukommen? So sehr Denkmäler zum öffentlichen Stadtraum gehören, irgendwann gehen auch sie, die die Vergangenheit vergegenwärtigen, im Treiben der Gegenwart unter. Es gäbe nichts Unsichtbareres auf der Welt als Denkmäler, meinte der österreichische Schriftsteller Robert Musil. Sie seien geradezu gegen Aufmerksamkeit imprägniert, schreibt er in seinem Nachlass zu Lebzeiten (1936). 

 

So sehr Denkmäler heute noch einen symbolischen Wert haben und der Erinnerung Gestalt geben – sie können auch zum Problem werden – nicht nur, weil sie Angriffsflächen bedeuten, da Geschichte immer wieder neu interpretiert wird – sondern auch, weil sie vielleicht im Weg stehen und den heutigen städtebaulichen Entwicklungen trotzen. Wie eben beispielsweise das Bubenberg-Denkmal von Max Leu in Bern, das 1930 aus verkehrstechnischen Gründen an den jetzigen Standort beim Hirschengraben kam und wohl bald wieder verschoben werden muss, damit dem neuen Bahnhofzugang Platz gemacht werden kann. 

 

Unsere beiden Figuren im Viewer sind als Ausstellungsobjekte präsentiert – und gleichzeitig stehen sie, geschützt durch den Viewer – auf einem öffentlichen Platz, wo sie auf ihre geplante Rolle als Denkmäler hinweisen. Die beiden Sockel aus Styropor betonen das Provisorische. Als temporäre Denkmäler werden sie – entgegen Musils bekanntem Zitat, hoffentlich bemerkt und geben Anlass zum Nachdenken. Und wenn sie dann im Mai wieder ins Depot zurücktransportiert werden, so ist das auch gut, dann machen sie nämlich wieder Platz, Platz für Neues.

 

Patricia Bieder