20. Januar bis 19. März 2017

Amthausplatz Solothurn

Vernissage Freitag 20. Januar, 18.30 Uhr

Barbara Wiggli

Feel the wave

Zwei Seiten einer Stadt. Aufbau und Zerstörung.
Was hat das Solothurner Lied damit zu tun?

Feel the Wave

Barbara Wiggli

Viewer – eine Ausstellungsplattform des Kunstvereins Solothurn

 

2010 schuf Barbara Wiggli ein Werk mit dem Titel Ab und Aufbruch, das im Besitz des Kunstvereins Solothurn ist. Auf einem schmalen Hocker, den die Künstlerin auf einen weissen Sockel gesetzt hat, türmen sich zersägte Spielzeughäuser, die Barbara Wiggli zu einem neuen Gebilde zusammengefügt hat. Abbau und Aufbau begleiten die Bildhauerin nicht nur in ihrem künstlerischen Arbeitsprozess und in der Werkgenese, das Verfahren von Dekonstruktion und Konstruktion interessiert Barbara Wiggli auch in einem architektonischen und gesellschaftlichen Kontext. Die Installation Feel the Wave, die Barbara Wiggli im Viewer zeigt, reflektiert ihre Beschäftigung mit den Begriffen „Aufbau“ und „Zerstörung“. Die minimal anmutende Holzinstallation mit den rechtwinklig zusammengesetzten Holzlatten lässt an eine Baukonstruktion, an ein kleines Baugerüst denken. Zwei Holzplatten, mit dunkler, spiegelnder Klebefolie bezogen, deuten, vielleicht, eine Oberfläche an. Es sind Mutmassungen, die man hier anstellen kann. Etwas, so scheint es, ist im Aufbau begriffen. Die „offenen Ränder“, das Unabgeschlossene der Installation stellt gleichsam ein Angebot dar zum Weiterbauen. Oder Weiterdenken – denn durch die Spiegelung in den grossen Glasfronten des Viewers führen die Holzlatten scheinbar aus dem Viewer hinaus auf den Amthausplatz. Ein gedankliches Konstrukt entsteht. Ein kleiner Bildschirm, im gleichen Format wie die Holzplatten gehalten, ist in die aus einfachen Materialien erbaute Installation integriert. Auf ihm sind in einer Dia-Show zahlreiche Fotografien von grossen Baustellen, Abrissplätzen und sich im Aufbau befindenden Gebäuden zu sehen. In Basel, dem heutigen Wohnort von Barbara Wiggli, hat die Künstlerin die grossen Baustellen nördlich und südlich des Bahnhofs mit der Fotokamera begleitet, zwar nicht streng dokumentarisch und einem genauen Konzept folgend, aber immer wieder. Präsentiert werden auch weitere Fotografien anderer Baustellen, die Barbara Wiggli besucht hat – etwa die des Neubaus des Kunstmuseums in Basel. Das Konzept des Flaneurs kommt in den Sinn, wenn Barbara Wiggli von ihren Streifzügen zu den Basler Baustellen erzählt. Es ist reizvoll, sich die Künstlerin vorzustellen, wie sie ihren Gang bei Baustellen verlangsamt, beobachtet, forscht und mit der Kamera dokumentiert. Es ist wohl ein postmoderner Flaneur und nicht Baudelaires Flaneur, der sich auf den grossen Boulevards langsam fortbewegt und beobachtet. Der postmoderne Flaneur ist an der Veränderung interessiert, an Löchern, die in eine Stadt gerissen werden, an etwas Neuem, das entsteht. Genau dieser Wandel, die Veränderung, die von Zerstörung und Aufbau, einem Wechselprozess, gekennzeichnet ist, interessiert Barbara Wiggli. Die Veränderungen hält sie mit der Kamera fest und schafft mit ihren Fotoserien Erinnerungsbilder. Es überrascht nicht, dass es vor allem auch die formalen Strukturen der Baustellen sind, die häufig skulptural anmutenden Kompositionen, die die Bildhauerin faszinieren. Die gestapelten kleinen Holzplatten, ein weiterer Teil der Installation, wiederspiegeln das Prinzip des Stapelns, das häufig auf Baustellen anzutreffen ist. Dem kleinen Stapel der verschiedenen Holzplatten wohnt etwas Provisorisches inne, könnten sie doch gleich verwendet werden, um mit ihnen etwas Neues zu bauen. 

Wohl erst auf den zweiten Blick nimmt man das Wandobjekt im Viewer wahr, das eine andere Formensprache spricht und aus anderem Material ist als die Installation am Boden des Viewers. Zusammen verdeutlichen die verschiedenen Objekte die Vielfalt an Materialien und Techniken, die Barbara Wiggli in ihren Arbeiten verwendet. Das Wandobjekt lässt mit seiner Platzierung und beeinflusst von der Sicht auf den monumentalen Muttiturm, der auf der anderen Strassenseite des Viewers steht, an ein Reststück einer Wandmauer denken, an etwas, das „erhalten“ geblieben ist, erhalten wurde. Damit werden die gegensätzlichen Kräfte der Zerstörung und des Aufbaus um eine weitere Kraft ergänzt: Das Erhalten steht gleichsam zwischen den beiden gegensätzlichen Energien. Bedeuten Aufbau und Zerstörung Wandel und Veränderung, etwa im Hinblick auf das Stadtbild, steht das Erhalten für das Konservieren, das Überdauern, ja vielleicht auch für den Stillstand. „Sisch immer so gsi“, heisst es im Solothurner Lied, das die Solothurnerin Barbara Wiggli auf ihrer Einladungskarte anspricht. „Es war schon immer so“ – diese Haltung kultiviert das Erhalten. In unserer schnelllebigen Welt ist dem auch viel abzugewinnen. Und gleichwohl kann nicht immer alles so gewesen sein, wie es schon immer war, denn unser gesamtes Leben ist von Wandel, Veränderung – von Zerstörung und Aufbau im metaphorischen Sinne – gekennzeichnet. Diese condition humaine, um die es Barbara Wiggli in ihrem Schaffen letztlich immer wieder geht, hat ein Sprayer ebenso lakonisch wie pointiert einen Kommentar auf einen Bauzaun gesprayt, den Barbara Wiggli fotografiert hat: Feel the Wave. 

 

Patricia Bieder, Januar/Februar 2017