11. November 2017 bis 12. Januar 2018

Amthausplatz Solothurn

 

Vernissage Freitag, 10. November, 18.30 Uhr

Lucie Kohler

GRRR

Un voyage imaginaire dans un monde sauvage fictif
qui questionne notre rapport à l’autre et aux clichés
qui en découlent. Qui est le sauvage de qui?

 

Lucie Kohler (*1985, lebt und arbeitet in Leysin) wirkt im Spannungsfeld zwischen fantastischen Geschichten und Klischees. Sie sammelt aus Wundertüten, alten Märchenbüchern und Mythen und bedient sich genauso aus philosophischen Texten und Science Fiction.

 

Sie spürt gesellschaftlichen Referenzen verschiedener Epochen nach. Sie analysiert soziale Phänomene, Statussymbole und Fabeln - immer mit dem Augenmerk auf Stereotypen im Bezug auf das Wilde und auf das Häusliche. Die ausgewählten Elemente beziehen sich dabei oft auf den Widerspruch der Tierwelt ≈ wild und menschlich ≈ zivilisiert.

Wie in Form einer Juxta Pose entstehen so Zeichnungen, Malereien, Keramikfiguren und Szenebilder für ihre Performances, die an die surrealen Cadavre Exquis erinnern.

 

Als Ausgangspunkt für den Viewer hat sich Lucie Kohler einer speziellen Zeichnung zugewandt. Das Solothurner Bieltor hat sie dazu inspiriert, sich mit dem Mittelalter und ihren Illustratoren auseinander zu setzen, denn das Mittelalter ist reich an zahlreichen Märchenklischees und Fabeln: Geschichten von Burgfräuleins, die in den Palais auf ihre Ritter warten. Erzählungen von Narren, Gauklern und von fantastischen Wesen wie etwa Drachen – und über allem die Religion.

Gleichzeitig ist die Zeichnung von Lucie Kohler auch eine Hommage an den Illustratoren Robinet Testard (1470-1531), der als Vorlage für Lucie Kohlers Amazone diente. Seine «Penthesilea» entstand schon damals aufgrund allgemeiner Klischees gepaart mit seinem persönlichen elektrisierenden Frauenbild. So hatte Testards «Königin der Amazonen» aus dem 15. Jahrhundert rötliches Haar und schneeweisse Haut. Er schuf seine Szenerien und Figuren so, wie Jahrhunderte später Karl May seine Abenteuerromane.

 

Diese Freiheit, aus der eigenen Fantasie Wildes, Gefährliches mit Erotischem und gleichzeitig Häuslichem zu vermischen, ist genau das, was Lucie Kohler fasziniert.

Lucies Amazone ist zudem noch mit einem weiteren symbolischen Allgemeinplatz geschmückt, nämlich mit der Schlange. Auch sie entspringt dem kollektiven Bild einer Amazone.

Ihr gegenüber steht das, was häufig und noch heute mit der männlichen Macht assoziiert wird: Das Zepter; ein königliches Zeichen, das wiederum die Wildheit im Menschen widerspiegelt. Zu Füssen liegt ein Teppich, ein wunderbares Symbol des häuslichen Wohlstands, das auch den Status einer Familie anzeigt.

Lucie Kohlers Teppich vermischt Motive unterschiedlichster Epochen der Afghanischen Teppichkunst. In neuerer Zeit fliessen die Kriegserfahrungen unmittelbar in die Teppichgestaltung ein.

Doch ist es auch ein Gebetsteppich, zivilisiert. Und über allem thront der Haussegen, eine mehrarmige göttliche Muttersau und Bestie.

 

Willkommen in Lucie Kohlers köstlich grotesker, wunderbar verstörender Wunderwelt.

 

Fränze Aerni