2. Februar bis 29. April 2018

Amthausplatz Solothurn

 

Vernissage Freitag, 2. Februar, 18.30 Uhr

LUZIA HÜRZELER

Auf der anderen Seite

Luzia Hürzeler nähert sich dem Viewer von beiden Seiten, hinterfragt Illusion und Wirklichkeit, untersucht die Beziehung zwischen Bild und Objekt, spielt mit dem Innen und Aussen, überrascht mit Verdoppelung und Spiegelung und eröffnet damit einen panoramischen Blick über Konzepte des Sehens. Der Viewer wird auf der einen Seite zum Spiegel, auf der anderen zum Diorama.

 

Angeregt durch die Architektur des Viewers hat Luzia Hürzeler (*1976 in Solothurn, lebt in Genf) eine reizvolle, ortsspezifische Arbeit geschaffen, die gleichsam in die Architektur des Viewers eingeschrieben ist. Form und Inhalt sind untrennbar miteinander verbunden.

 

Der Titel „Auf der anderen Seite“ spielt vorerst mit der architektonischen Eigenart des Viewers, nämlich dass man vor dem einen Fenster stehend durch den Raumkörper hindurch auf die andere Seite des Viewers blicken kann. Luzia Hürzeler hat die nordseitige Glasscheibe jedoch mit einer schwarzen Folie abgedeckt. Dies führt dazu, dass die Scheibe als Spiegel funktioniert, der gleichsam Eintritt gewährt in einen neuen, fiktiven Raum, in dem wir uns gedanklich auf der anderen Seite wähnen.

 

Auf der Südseite lässt Luzia Hürzelers Installation im Viewer an ein Diorama, einen illusionistischen Schaukasten, denken. Wie in Dioramen verweben sich auch bei Luzia Hürzeler Illusion und Wirklichkeit, Realität und Fiktion. Eine grosse, malerisch wirkende Fotografie bildet den Hintergrund und schafft gleichzeitig einen scheinbaren Durchblick auf die gegenüberliegende Seite. Erst auf den zweiten Blick wird erkennbar, dass es sich um eine spiegelverkehrte Fotografie handelt. Luzia Hürzeler hat auf der anderen Seite des Viewers ein Spiegelbild ihrer selbst geschaffen, ein Selbstbildnis, und steht uns nun gleichsam gegenüber. Dabei ist sie gleichzeitig Modell und Fotografin. Neben ihr befindet sich der im Viewer stehende Schwan und blickt sich scheinbar im Innern an, oder umgekehrt. Der Schwan wähnt sich sowohl im Viewer wie davor, nur zeitlich verschoben. Die Frage nach dem Innen und Aussen wird ebenso zentral wie der Aspekt der Zeit.

 

Schein und Sein begegnen sich in Luzia Hürzelers Arbeit. Was ist Wirklichkeit, was Illusion? Diese Unsicherheit manifestiert sich exemplarisch im präparierten Schwan, der trotz seiner lebendigen Erscheinung letztlich auch nur eine Illusion von Leben und Lebendigkeit ist. Tiere treten in Luzia Hürzelers Schaffen leitmotivisch auf. Für den Viewer hat sie sich mit dem Höckerschwan beschäftigt, der gemeinhin als Symbol für Eleganz und Schönheit gilt. Im Tanz, in der Literatur und in der bildenden Kunst tritt der Schwan als Motiv wiederholt auf. Im Viewer lässt sein Blick in den Spiegel, der Anblick seines Ebenbilds an die Geschichte des hässlichen Entleins, aber auch an eine narzisstische Selbstbetrachtung denken.

 

Die Befragung vom Wesen des Bildes, von Objekt und Subjekt, von Künstler, Modell und Skulptur, von Realität und deren Verschiebung, von Grenzen zwischen Innen und Aussen ist grundlegend für das Schaffen von Luzia Hürzeler. Sie nimmt uns ins Visier - das auf das Publikum gerichtete Objektiv ist gleichsam eine Aufforderung, genau hinzuschauen.

 

Patricia Bieder

 

 

Schwan: Christian Schneiter, Taxidermiste, Vicques (JU), www.arche-noe.ch

Bildbearbeitung: Patrick Schranz, Bex